What the Fuck are Skateboarders?

Text: Raphael Marxer

Wir Skater sehen uns selbst ja gerne als das etwas andere Grüppchen an, das sich gerne seine eigenen Regeln macht, weshalb die meisten von uns auch nicht sonderlich gut auf Securitas, Trainer und Businessmänner zu sprechen sind. Wie es aussieht, sind wir sogar speziell genug, sodass sich Soziologen (Die Leute, die untersuchen, wie unsere Gesellschaft so läuft) und Ethnologen (Wissenschaftler, die die Kulturen verschiedener Völkergruppen erforschen) schon mehrmals die Mühe gemacht haben, wissenschaftliche Artikel und Bücher über die Skateboard Kultur zu verfassen. Anstatt über das Gefälle zwischen den Klassen und das Jagdverhalten indigener Völker im Amazonas zu schreiben, widmeten diese Frauen und Männer ihre Arbeit dem Verhalten aufgedrehter Jugendlicher bei Contests oder den Gender Verhältnissen innerhalb der Skateboard Szene.

Auf den Folgenden paar Seiten werden einige dieser Artikel kommentiert. Für diejenigen, die keine Lust auf lange Ausführungen haben, hier eine kleine Zusammenfassung: Skater halten nicht viel von traditionellen Werten, interessieren sich nicht dafür, wer den grössten Bizeps hat, verhalten sich manchmal wie Arschlöcher gegenüber Nicht-Skatern und Frauen und zeigen zivilen Ungehorsam, indem sie dort skaten, wo sie nicht sollen, was als anti kapitalistische Umgestaltung der Urbanen Lebensräume gedeutet werden kann.
Zählt man, wie oft das Wort anti-kapitalistisch in diesen Artikeln vorkommt, könnte man beinahe meinen, dass unser Hauptanliegen der Kampf gegen das Kapital sei und nicht, lustige Abende mit einem Stück Holz und einer Dose Billigbier zu verbringen. Wer sich ein allround Buch zulegen will, dem sei Iain Bordens Skateboarding, Space and the City ans Herz gelegt.
Buchcover; Skateboarding Space and the City
(Buchcover; Skateboarding Space and the City)

Regelmässige Jenkem-Leser werden sich an einen Artikel erinnern können, in dem das Scheinwerferlicht auf Skater gerichtet ist, die sich in der Welt der Akademiker und Professoren niedergelassen haben. 2 dieser Artikel werden auch hier aufgenommen, es lohnt sich aber auch den ganzen Jenkem Artikel zu lesen.
Im Folgenden werden, angefangen mit dem wohl frühsten akademischen Aufsatz zum Thema, die Artikel einzeln angeschaut.
Eine vollständige Literaturangabe findet Ihr am Ende des Texts.

Becky Beal. (1995). Disqualifying the official: An exploration of social resistance through the subculture of skateboarding.

Beals These aus dieser inzwischen über 20 Jahre alten Studie (sie war eine der ersten, die sich regelmässig auf akademischem Niveau mit Skate-Themen auseinandersetzte) ist ziemlich schnell erklärt:
Teil der Skate Kultur sei es, sich gegen soziale Normen und den hegemonialen Kapitalismus aufzulehnen, was Beal an exemplarischen Beobachtungen an verschiedenen Amateur Contests und 41 Interviews festmacht und von da aus auf die gesamte Skate-Szene ausweitet. Im Grunde genommen ist dies die etwas schlauere Version davon, was wir bis heute gerne von uns sagen: “Wir passen uns nicht an.” Beal deckt in ihrer Auseinandersetzung mit Skatern aber auch einige Widersprüche im ‘soll’ und ‘sein’ der Skater auf.

Einen grossen Teil ihres Papers nimmt die Untersuchung der anti-establishment Haltung des Skateboardens als ganzes ein. In dieser Hinsicht vertritt das Skaten laut Beal eine einzigartige Position, da Sport normalerweise dazu beitrage, die Position der dominanten Gruppierungen zu festigen, indem Werte vermittelt werden, die auf Kapitalismus, Sexismus und Rassismus aufbauen. (Beal 1995 S. 252). Während Beal in dem „I don’t give a fuck“ Verhalten der Skater einen konstant ausgeführten Widerstand gegen kapitalistische Werte und maskulines Wettkampfverhalten sieht, scheinen wir schlussendlich doch in der Ideologie unserer Zeit gefangen zu sein. Das zeige sich in öffentlich ausgelebten Sexismus, der in der Marginalisierung von Frauen und Bezeichnung wie „Skate Bettie“ oder „Ramp Tramp“ für weibliche Skater praktiziert wird. In seltenen Fällen könne auch rassistisches oder homophobes Verhalten beobachtet werden, welches, wie Sexismus auch, eigentlich im Widerspruch zum revolutionär angehauchten Widerstand gegen soziale Normen steht, den die Skate Kultur in anderen Bereichen zeigt. (S. 265) Beal, nicht ohne beeindruckten Unterton, schliesst damit ab, dass es den Skatern auf Basis einer körperlichen Aktivität gelungen ist, sich eine Umgebung mit alternativen sozialen Normen und Verhältnissen zu schaffen, die ihren individuellen Wünschen und Bedürfnissen besser passen, als die von oben vorgegebenen. Da dies jedoch sehr lokal begrenzt geschieht, hat Skateboarden kaum ‘transformative’ Kraft. Wir haben also keinen Einfluss auf die Gesellschaft als ganzes. (S. 266)

Beals Artikel bietet einen interessanten Anhaltspunkt, um sich einmal Gedanken darüber zu machen, wie sich unsere kleine Welt in den letzten zwei Jahrzehnten verändert hat. Die auffallendste Veränderung geschah wohl im Bereich der Skaterinnen. Von Elissa Steamer bis Leticia Buffoni und Lizzy Armanto hat sich einiges getan. Es soll mal jemand die Eier aufbringen, Julz Lynn Ramp Tramp zu nennen… Ich wage die Behauptung aufzustellen, dass sich die Skate-Szene heutzutage geschlossener als je zuvor gegen Rassismus und Homophobie stellt, auch wenn diese Probleme noch längst nich gelöst sind, weder bei uns noch anderswo. Aber es sind Themen, welche im Moment innerhalb, als auch ausserhalb der Skateboardwelt aktueller sind, als je zuvor. Mit Projekten wie Skateistan oder Skate Aid agiert man auch nicht mehr bloss auf lokaler Ebene, sondern versucht, zu Veränderungen globalen Ausmasses beizutragen.

Becky Beal (1996). Alternative masculinity and its effects on gender relations in the subculture of skateboarding.

Aufbauend auf ihrem vorherigen Artikel stellte Beal weitere Nachforschungen zum Thema Skateboarder, Männlichkeit und Sexismus an. Ihre Ergebnisse lassen sich kurz und knapp zusammenfassen: Skater wollen nicht so sein wie Footballspieler oder Leichtathleten, sind es auch nicht, verhalten sich aber genau so herablassend gegenüber Frauen. Dabei geht es vor allem um Kommentare wie „dieser Sport ist zu hart für Mädchen“ und ähnliche Aussagen. Ein Fettnäpfchen, in das auch <a href="https://www.youtube.com/watch?v=CkL84giWaRo" target=_blank<Nyjah Huston mit einigem Medienrummel getreten ist.
Ein relativ aktuelles Buch, das die zentralen Themen der beiden Artikel von Beal aufnimmt und diese in vielfacher Länge und in grösseren Zusammenhängen behandelt ist „Skate Life: Re-Imagining White Masculinity“ von Emily Chivers Yochim aus dem Jahr 2009. Yochim bietet ausserdem einen netten Überblick über die Geschichte des Skatens, allgemein Gängige Ansichten und den damaligen Zustand der Skateboard Industrie

Buchcover; Skate Life: re-imagining white masculinity
(Buchcover; Skate Life: re-imagining white masculinity)

Linda Moore (2009). An ethnographic study of the skateboarding culture. http://www.thesportjournal.org

Moore versucht in ihrem Artikel durch das Anwenden von in der Ethnologie gängigen Beobachtungs-Methoden anhand des Videos Planes Trains and Skateboards wichtige Einsichten in die Welt des Skateboardens zu erhalten:

„From the discussion of the video content, inferences are synthesized to provide a greater understanding of the skateboarding culture.“

Oder etwas einfacher ausgedrückt: Ich habe mir ein paar Videos von Contests angeschaut und weiss jetzt wie alle Skater ticken. Ihre Erkenntnisse sollen einem konkreten Zweck dienen:

„Leaders who understand the culture of skateboarding may be able to communicate more effectively with the younger generation.“

Dass Skateboarder eine relativ kleine Subkultur sind, die oftmals selbst nicht gerade gut mit anderen Jugendlichen Gruppen umgehen können oder wollen, ist ihr jedoch entweder nicht bewusst, oder sie hat dieses Problem geschickt umgangen, um nicht den Zweck ihres Papers zu unterwandern. Sie sieht Skateboarden nicht bloss als Andockstelle für Politiker und andere Führungskräfte, um sich den Zugang zu Jugendlichen zu erleichtern, sondern sogar als effektives Trianing für diese Jugendlichen, um später einmal selbst in eine solche Führungsposition zu treten. Keine Frage, dass Skaten einem wichtige Life-Skills beibringt. Ich wage jedoch zu bezweifeln, dass sie sich darum scheren, eine politische Führungsrolle einzunehmen.

Mehr praktischen Nutzen scheint ihre Behauptung zu haben, dass gerade Eltern, Lehrer und andere Leute, die als Aussenstehende unvermeidbar in direktem Kontakt mit Skatern stehen, sich die Zeit nehmen sollen und versuchen zu verstehen, was dieses kleine Hobby für die Kids (und auch die älteren) alles bedeutet und wie die ganze Sache funktioniert. Dass Moores Artikel viel dazu beitragen wird, erscheint eher unwahrscheinlich.

Hier noch etwas weniger Gebashe, sondern methodologische Kritik: Moore will Skateboarder beobachten und benutzt dazu ein relativ altes Video aus dem Jahre 2004, dass noch dazu ein Zusammenschnitt von Contest Aufnahmen ist. Jemandem der eine ethnologische Studie durchführen will sollte bewusst sein, dass unnatürliche Verhältnisse die Ergebnisse verfälschen. Ihre Quelle macht das gleich doppelt: Ein Contest ist für die wenigsten Skater eine natürliche Situation. Die allermeiste Zeit verbringen wir im Skatepark oder auf den Strassen, mit unsern Freunden und nicht in einem Stadion mit tausenden von Zuschauern. Bei Contests herrscht meisten absoluter Ausnahmezustand, was Moore entweder nicht bewusst war, was von mangelnder Recherche zeugt, oder ihr egal war, was auch kein bessers Licht auf die Studie wirft. Ausserdem schaute sie nur Videos an. Filme sind selten rein dokumentarisch, sondern die Auswahl was, wann, wie gezeigt wird, hat auch ideologischen und stilistischen Wert und versucht den Rezipienten zu beeinflussen. Was würde die Dame wohl denken, wenn sie sich King Of The Road angeschaut hätte?

Tyler Dupont. (2014). From core to consumer: The informal hierarchy of the skateboard scene.

Gerade heute, wo Thrasher Shirts en vogue sind wie noch nie und ‘Poser’ zu einem der Lieblingsworte vieler Skater geworden ist, stellt sich die Frage, was es genau braucht, um von Skatern als Skater akzeptiert zu werden? Dupont stellt einige gewagte Thesen auf, die einem manchmal den Kopf gegen die Wand schlagen lassen, andererseits aber auch dazu führen, dass man sich hie und da selbst an die Nase greifen und sich fragen muss; verhalte ich mich wirklich so?

Dupont unterscheidet zwischen „core“, „soft-core“ und „outsiders“. Er versucht in seinem Paper zu erklären, wie diese Hierarchien und Beziehungen in der Skateboard-Szene aufgebaut sind, wie sie entstehen und wie sie erhalten bleiben. Welcher Klasse man angehört, hängt laut ihm davon ab, über wie viel „subcultural capital“, (Wissen wie man sich Verhält, die richtige Einstellung haben) und „social capital“, (Verbindungen mit den richtigen Leuten) man besitzt und mit wie viel „commitment“ man effektiv hinter dem Skaten steht. Besitzt man genug von allen drei Gütern, so wird man in der Regel zum Core gezählt. Fehlt es einem an einem oder mehreren Orten, zählt man gehört man zum Soft-Core und fehlt es einem an allen dreien, ist man ein Outsider.
Zum Core gehört also der Typ, der nach der Arbeit beim Bau des heimischen DIY Projekts mithilft und skatet so oft er kann. Zum Soft-Core gehören Gelegenheits-Skater, die nach Lust und Laune mal mehr, mal weniger skaten, im local Skateshop gegrüsst werden, aber noch nie mit den Angestellten in der Bar geendet sind. Outsiders ist in vielen Fällen synonym für Poser. Sie kaufen sich Skate-Marken und tragen ihre Penny Boards mit sich herum. Ausserdem gehören Geschäftsmänner, die sich aus finanziellen Gründen mit dem Skaten abgeben in diese Kategorie. Ebenfalls steckt Dupont alle Frauen in die Kategorie Outsider, eine Behauptung, die meiner Meinung nach weder mit Duponts methodischer Unterteilung, noch in der Realität aufrecht erhalten werden kann.

Was in diesem Artikel als eine feste und lückenlose Unterteilung daherkommt, ist in der Praxis viel fliessender und komplizierter. Dinge verändern sich, werden wichtiger oder verlieren an Interesse. Wie so oft kann eine solche Untersuchung zwar ein paar interessante Beobachtungen und Ideen zum Vorschein bringen, jedoch die komplexen Vorgänge in einer so schnelllebigen Szene niemals komplett abdecken.

Iain Borden. (2006). Skateboarding, space and the city: Architecture and the body.

Bordens Buch ist eines der umfassendsten und besten Bücher, die es zum Thema Skateboarden gibt. Wer es sich zutraut, sich durch 332 Seiten englischsprachige Architektur-Theorie und sozio-kulturelle Thesen und Analysen zu schlagen, darf sich auf etwas freuen.

Iain Borden in action. Photo courtesy of Gorm Ashurst
(Iain Borden in action. Photo courtesy of Gorm Ashurst)

Bordens Buch gibt einen Überblick über die Geschichte des Skateboards von Kalifornias Surf-Szene in den 1950ern, über das Aufkommen der Skateparks in den 70ern, bis zum heutigen Street-Skaten. Dazwischen ist sein Buch gespickt mit Bildern aus alten Magazinen, die man sonst eher selten zu sehen bekommt und enthält unzählige Detaills, an denen man sich als Skater erfreuen kann. Eine der seltenen Geschichtsschreibungen, die sich gerade in der Dogtown Ära nicht romantischer Nostalgie hingibt, sondern auf informative Art und Weise das Geschehen zu jeder Zeit aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet.

Nach etwa 100 Seiten Geschichtsunterricht, zeigt das Buch jedoch seinen eigentlichen Kern. Borden liefert eine umfassende Kultur und Architektur Theorie ab, bei welcher der Gebrauch der Stadt durch die Skater im Zentrum steht. Diese Theoretisierung von Skateboard-Fahren, was ja eigentlich einfach und unkompliziert sein sollte und ohne Hintergedanken passiert, kann dem einen oder anderen sicher etwas vor den Kopf stossen. Wer solchen Ausführungen allerdings offen gegenübersteht wird ganz bestimmt viel Neues erfahren und vielleicht noch nicht bedachte Blickwinkel einnehmen.

Wieder geht es um Trotz gegenüber Normen und Autoritäten, jedoch auf eine ganz konkrete Art: Die Betonmassen der Stadt sind für uns Skater kein Gefängnis, in dem wir arbeiten und uns mit Shoppen vom grauen Alltag ablenken, was manche Kritiker heutiger Architektur vorwerfen, sondern ein Ort, an dem Körperlichkeit, Freude und Frustration, Energie und Veränderung durch den (nicht regelkonformen) Gebrauch der Stadt ausgedrückt werden können. Während wir doch eigentlich nur Spass auf unserm Brett haben wollen, kann man, wenn man gerne aus dieser Richtung an die Dinge heran geht, im Skaten eine performative (also durch das Skaten an sich ausgedrückte) Kritik an städtischem Kapitalismus und moderner Architektur erkennen. Borden fügt Security Guards, Skatestopper und Passanten die die Polizei rufen ins Bild ein und erklärt Schritt für Schritt, wie diese sich aufs Skaten und dessen Mentalität auswirken und umgekehrt.
Wie gesagt, Bordens Buch ist keine leichte Lektüre. Wer jedoch kein Problem damit hat, sich durch solche akademischen Texte zu kämpfen, steht vor einer wahren Goldgrube.

Beal, Becky. (1995). Disqualifying the official: An exploration of social resistance through the subculture of skateboarding. Sociology of Sport Journal, 12(3), 252-267.

Beal, B. (1996). Alternative masculinity and its effects on gender relations in the subculture of skateboarding. Journal of Sport Behavior, 19(3), 204-220.

Borden, Iain. (2006). Skateboarding, space and the city: Architecture and the body. Oxford: Berg.

Chivers Yochim, Emily. (2009) Skate Life: Re-Imagining White Masculinity. http://quod.lib.umich.edu/t/toi/7300267.0001.001/1:5/–skate-life-re-imagining-white-masculinity?g=dculture;rgn=div1;view=toc;xc=1

Dupont, Tyler. (2014). From core to consumer: The informal hierarchy of the skateboard scene. Journal of Contemporary Ethnography, 43, 556-581.

Moore, Linda. (2009, September 22). An ethnographic study of the skateboarding culture. The Sport Journal. Retrieved from http://www.thesportjournal.org

08 März of 2017

 

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