Tschau Beast, Hallo Hardturm?

brache

Die Zwischennutzung der Stadionbrache ist zeitlich begrenzt und es scheint, als ob deren Ende langsam absehbar wird. Ab 2021 soll auf dem alten Hardturm Areal wieder Fussball gespielt werden. Laut Tagesanzeiger sieht es so aus, als würde der Bau des neuen Stadions bei der voraussichtlichen Abstimmung im Herbst 2018 vom Volk mit grosser Mehrheit angenommen werden. Da wir von Anfang an wussten, dass es das Beast nicht ewig geben wird, macht es nicht viel Sinn, hier über Verdrängung oder Verscheuchung zu jammern. Nehmen wir die neusten Entwicklungen also als Anlass, uns einmal über Proportionen, sinnvolle Investitionen und kulturellen Mehrwert zu unterhalten.

Auf 55‘000 Quadratmetern sollen ein Fussballstadion, zwei Hochhäuser und ein gemeinnütziger Wohnungsbau entstehen. Dafür haben private Investoren 570Millionen Franken zusammengetragen, von denen 105Millionen Franken in den Bau des Stadions fliessen. Der gemeinnützige Wohnraum, in dem zum Beispiel 4.5 Zimmer Wohnungen für 1650.- netto angeboten werden sollen, klingt doch nach einem vernünftigen Verwendungszweck.

Aber hey, lasst uns neben die 100 erschwinglichen Wohnungen noch zwei Hochhäuser hinklatschen, natürlich unbedingt höher als der Primetower, damit jeder gleich weiss, dass wir den grössten haben und 600 Wohnungen im „mittleren Preissegment“ anbieten, die sich eh keiner leisten kann… Zugegeben, der Zürcher Immobilienmarkt ist nicht unser Fachgebiet, aber die Zusammenstellung und Aufmachung der neuen Gebäude zeigt, für wen gebaut wird. Dazu sollen Geschäftsflächen und ein Kindergarten kommen, um quasi ein neues, feines Quartier aus dem Boden zu stampfen. Wer weiss, vielleicht braucht Zürich das ja. Aber kommen wir zu unserem eigentlichen Problem: Dem Stadion.

In einem Stadion mit 26‘000 Plätzen kommt der FC Zürich in der laufenden Saison auf durchschnittlich 10‘000 Zuschauer pro Spiel, GC auf 7‘500. Fans, Spieler und Journalisten bemängeln die schlechte Stimmung im Stadion und sportlich befindet man sich im Mittelfeld einer mittelmässigen Liga. Glasklar, da braucht es ein neues Stadion, was denn sonst? Der Ruf nach einem neuen Stadion ist schon seit Jahren hörbar, doch das Argument, dass ein neues Stadion die Stimmung verbessern soll, wie es zum Beispiel im ersten Abschnitt des Tagesanzeiger-Artikels heisst, ist lächerlich. Wenn ich meine alten Fussballschuhe aus der alten Schachtel nehme und sie in eine neue Schuhschachtel verfrachte, stinken sie immer noch genau gleich. 18‘000 Zuschauer sollen im neuen Stadion Platz finden. Da fällt es vielleicht wenigstens nicht mehr ganz so arg auf, dass es jede Woche halb leer ist. Die Handelszeitung nannte den FCZ 2016 ein „Millionengrab“. In dieses Grab wird nun munter weiter geschaufelt. Weder aus ideologischer Fan-Sicht, noch aus rein wirtschaftlicher Sicht lässt sich dieser Bau in Zeiten von verschuldeten Clubs, mieser Stimmung und sportlicher Mittelmässigkeit für mich nachvollziehen.

Das Beast, von wenigen engagierten Skatern mit ein paar tausend Franken gebaut, sowie die vielen kleinen Gärten, weichen also einem 105 Millionen Koloss. Welch Sinnbild. Doch wohin soll man weichen? In die Brunau natürlich. „Wir haben euch für 4.5 Millionen einen der grössten Skateparks in Europa gebaut, seid gefälligst zufrieden damit und geht dort spielen.“ 4.5 Millionen, von denen wahrscheinlich mehrere hunderttausend in die unnötige Überführung vom Street Bereich zur Bowl geflossen sind. Allein davon hätte man den Skatern so viel Beton kaufen können, dass die einen Zeit ihres Lebens mit DIY Projekten beschäftigt wären und die übrigen sich im Brunau Park tatsächlich wohl fühlen. Heute sieht es eher so aus, dass der Park tagsüber hoffnungslos überfüllt ist. Nicht etwa mit Skatern, sondern mit Familien, Kleinkindern auf Velos und Scooter-Kids. Abends fehlt es an Licht. Während die Locals im Beast und im Portland (und fairerweise auch Parks wie Vaduz oder Wangs) dieses Problem elegant gelöst haben, ist sowas im 4.5 Millionen Park nicht möglich. Die laufenden Kosten dürften bei diesem Park auch gegen nichts gehen. Wasser fürs WC und den Wasserspender, der nicht einmal immer funktioniert, Die Stadtreinigung, die ab und zu mal die Mülleimer leert und ein Security Typ, der abends schaut, dass alle brav nach Hause gehen. Wahrscheinlich wird die Stromrechnung des neuen Stadions alleine die bisher angefallenen laufenden Kosten des Parks in den Schatten stellen.

Klar, Fussball hat mehr Fans als Skateboarden und ist für Investoren attraktiver und lukrativer. Aber wir fordern ja auch nicht mehr Geld oder grössere Parks. Aber Räume wie das Beast sind mehr als nur die Summe ihrer Teile. Es sind Kulturtragende Orte, an denen Ideen entstehen und ausgeführt werden. Orte mit einem paradoxem Zusammenspiel aus „locals only“ und internationalem Zusammenkommen. Ein paar Quadratmeter Beton, auf denen sich die ganze Schweizer Skateszene zu Hause fühlt. Dagegen kommt kaum ein von der Stadt gebauter Park an, wie gross er auch sein mag. Dieser Ort wird nun unter dem Motto „Für den Fussball, unsere Stadt und das Quartier“ durch einen Ort ersetzt, an dem man sich auf betrunkene Fans, Ausschreitungen und schlechten Fussball freuen kann.

Skater werden von Zwischennutzung zu Zwischennutzung geschickt, während andere Dinge gebaut werden. Beauty? Gone. Black Cross Bowl? Gone. Hüsli? Gone. Rat Hole? Gone. Während im Liechtenstein das Engagement der Skater Früchte trägt und der Skatepark Vaduz beinahe verdoppelt wird, kämpft man in Chur seit Jahren um einen Platz, was an der Sturheit von Einzelpersonen scheitert. In Basel weiss man nie genau, wie lange Portland noch bestehen bleiben kann und es muss ständig Geld für den Abbruch zur Seite gelegt werden. Während man sich als Skater immer und immer wieder um neue Orte kümmern muss, scheint einem die Leichtigkeit, mit der Sport und Turnvereine oftmals bekommen was sie wollen, fast ein wenig pervers.
Aber in der Zwischenzeit können wir ja in die Brunau gehen und uns im Scheinwerferlicht des angrenzenden Fussballplatzes baden.
Kreativität und Eigenantrieb sind unter diesen Umständen weniger Tugenden, als viel mehr Notwendigkeiten. Vielleicht sollte man dafür schon fast dankbar sein?

zum Tagi Bericht: Zürcher sagen Ja zum neuen Hardturm

16 März of 2018